Ein wichtiger Meilenstein für den Wirtschaftsstandort Dresden ist erreicht: Nach nur drei Jahren Bauzeit hat die Stadtentwässerung Dresden den Industriesammler Nord (ISN) offiziell in Betrieb genommen. Der rund zehn Kilometer lange Abwasserkanal verbindet die Industriegebiete im Dresdner Norden auf direktem Weg mit der Kläranlage Dresden-Kaditz. Er schafft damit die notwendige Entwässerungsinfrastruktur für das weitere Wachstum der Halbleiterindustrie in der Landeshauptstadt. Rund 76 Millionen Euro wurden in das Großprojekt investiert.
Die Projektverantwortlichen Heiko Nytsch, Thomas Würfel und Rainer Aurin (Stadtentwässerung Dresden GmbH) stehen im Absturzbauwerk am Ende des Industriesammlers Nord. Wenige Meter noch, dann fließt das Industriewasser in die Kläranlage Dresden-Kaditz. (Foto: André Wirsig)
Zur feierlichen Inbetriebnahme kamen Oberbürgermeister Dirk Hilbert sowie die beiden Geschäftsführer der Stadtentwässerung Dresden, Gunda Röstel und Ralf Strothteicher, sowie Vertreter der Behörden, Planungsbüros und Bauunternehmen auf der Kläranlage Dresden-Kaditz zusammen. In der Siebscheibenhalle, unweit der Einmündung des neuen Kanals in den Neustädter Abfangkanal, setzten sie gemeinsam ein symbolisches Schieberrad in Bewegung. Damit gaben sie einen virtuellen Wasserstrom frei, der auf einer Videoprojektion vom Dresdner Norden entlang der Trasse des Industriesammlers bis zur Kläranlage Kaditz floss.
„Mit dem Industriesammler Nord haben wir ein Infrastrukturprojekt von herausragender Bedeutung für Dresden realisiert. Unsere Stadt ist einer der wichtigsten Mikroelektronikstandorte Europas. Damit die Unternehmen hier weiter investieren und wachsen können, braucht es eine leistungsfähige technische Infrastruktur. Die Stadtentwässerung Dresden hat dafür mit weiter Voraussicht rechtzeitig eine entscheidende Voraussetzung geschaffen“, würdigte Oberbürgermeister Dirk Hilbert das Vorhaben.
Zehn Kilometer Kanal für Dresdens wirtschaftliche Zukunft
Der Bau des Industriesammlers war notwendig geworden, weil die vorhandenen Abwasserkanäle auf der rechtselbischen Seite der Landeshauptstadt angesichts der wachsenden Halbleiterproduktion an ihre Kapazitätsgrenzen stoßen. Schon heute prägen Unternehmen wie Infineon, GlobalFoundries und Bosch die industriellen Abwassermengen. Mit dem Ausbau bestehender Produktionsstätten und der Ansiedlung des neuen Halbleiterwerks von ESMC werden sich diese Mengen in den kommenden Jahren verdoppeln.
Der Industriesammler Nord nimmt die Abwässer aus den Industriegebieten in Klotzsche, Rähnitz und Wilschdorf auf und transportiert sie zur zentralen Kläranlage Kaditz. Zugleich entlastet er das vorhandene Kanalnetz. Die neue Leitung ist damit nicht nur eine Investition in die industrielle Entwicklung, sondern auch in die langfristige Betriebssicherheit der Dresdner Stadtentwässerung.
Technische Meisterleistung
Der Bau des Industriesammlers stellte Planer und Bauunternehmen vor erhebliche technische Herausforderungen. Rund sieben Kilometer der insgesamt zehn Kilometer langen Trasse wurden in geschlossener Bauweise hergestellt. Dabei pressten leistungsstarke Vortriebsmaschinen Stahlbetonrohre unterirdisch durch den Dresdner Norden. Auf diese Weise konnten unter anderem Straßen, die Autobahn A4 und sensible Verkehrsbereiche, wie eine wichtige Bahntrasse, unterquert werden. Mit dieser Technologie konnte der Eingriff in die Natur auf ein geringstmögliches Maß reduziert werden, was insbesondere im Bauabschnitt durch die Dresdner Heide von großer Bedeutung war. Auf den übrigen rund drei Kilometern erfolgte die Verlegung in offener Bauweise.
Am Standort Dresden eröffnete Infineon im Juli 2026 das 4. Modul seiner Produktionsstätte für Halbleiter. Daher stand die Stadtentwässerung Dresden beim Fertigstellungstermin unter erheblichen Zeitdruck. (Foto: Torsten Fiedler)
Besonders anspruchsvoll war der Rohrvortrieb durch die Hellerberge. Hier wurde unter anderem ein rund 1.200 Meter langer Abschnitt mit Betonrohren von zwei Metern Außendurchmesser (DN 1.600) hergestellt. Ein wichtiger Meilenstein war der Durchstich der Vortriebsmaschine an der Königsbrücker Straße am 10. Dezember 2025.
Eine technische Besonderheit ist die Herstellung einer Freispiegel-Druckleitung unter Nutzung des natürlichen Geländegefälles von rund 100 Metern zwischen dem Dresdner Norden und Kaditz. Während das Abwasser zunächst in einem Freispiegelkanal aus Beton mit DN 1.600 fließt, wird es im weiteren Verlauf durch eine Kunststoffleitung mit einem Durchmesser von DN 1.200 abgeleitet. Diese arbeitet als Gefälledruckleitung. Zusätzliche Pumpwerke sind für den Transport des Abwassers nicht erforderlich.
Am Ende mündet der Industriesammler kurz vor der Kläranlage in den Neustädter Abfangkanal, über den das Abwasser schließlich zur Reinigung in die Kläranlage gelangt.
Großprojekt trotz schwieriger Bedingungen im Zeitplan
Der symbolische Spatenstich für den Industriesammler erfolgte am 20. Juli 2023. Seither arbeiteten zahlreiche Fachleute an der Realisierung des technisch anspruchsvollen Vorhabens. Dabei mussten auch unvorhergesehene Schwierigkeiten bewältigt werden: Das Elbehochwasser zum Jahreswechsel 2023/2024 setzte Baugruben unter Wasser, Altlasten im Bereich des Hellers verursachten zusätzlichen Aufwand. Hinzu kamen zahlreiche vorhandene Versorgungsleitungen und schwierige Baugrundverhältnisse.
Dennoch gelang es, den Hauptkanal termingerecht fertigzustellen. Ende Juni 2026 wurde auch der direkte Anschluss des neuen Infineon-Werks an der Königsbrücker Straße hergestellt. Bereits am 5. August begann der Probebetrieb des Industriesammlers. Seither konnten die neuen Anlagen unter realen Betriebsbedingungen erprobt werden.
„Mit dem Industriesammler Nord haben unsere Ingenieure, Planer und die beteiligten Bauunternehmen eine außergewöhnliche Leistung erbracht. Zehn Kilometer Kanal durch dicht erschlossene Wohn- und Industriegebiete und schwierigen Untergrund zu bauen, dabei den laufenden Verkehr und die bestehende Infrastruktur möglichst wenig zu beeinträchtigen und den engen Terminplan einzuhalten, war eine enorme Herausforderung. Dass uns dies gelungen ist, macht uns stolz“, erklärte der Technische Geschäftsführer Ralf Strothteicher.
Rund zwei Drittel der insgesamt 10 Kilometer langen Strecke entstanden im unterirdischen Rohrvortrieb. (Foto: Torsten Fiedler)
Nächste Großinvestition bereits angelaufen
Mit der Inbetriebnahme des Industriesammlers ist ein wesentlicher Baustein für die künftige Abwasserentsorgung Dresdens geschaffen. Die nächste große Herausforderung hat die Stadtentwässerung bereits in Angriff genommen: Bis Mitte der 2030er Jahre wird die Kläranlage Dresden-Kaditz umfassend erweitert und modernisiert. Geplant sind unter anderem eine neue mechanische Abwasserbehandlung, zusätzliche Belebungs- und Nachklärbecken, eine weitergehende Abwasserreinigung (4. Reinigungsstufe) und ein dritter Faulturm. Damit wird die Kläranlage für die künftig steigenden Abwassermengen und höhere Anforderungen an die Reinigungsleistung ertüchtigt.
„Der Industriesammler Nord und der Ausbau unserer Kläranlage gehören unmittelbar zusammen. Beide Projekte zeigen, welche Bedeutung eine vorausschauende Abwasserinfrastruktur für die Entwicklung einer wachsenden Großstadt hat. Wir investieren heute, damit Dresden auch in den kommenden Jahrzehnten wirtschaftlich erfolgreich sein kann und zugleich die hohen Anforderungen an den Gewässerschutz erfüllt“, betonte die Kaufmännische Geschäftsführerin Gunda Röstel.
Der Industriesammler Nord in Zahlen
- Länge: rund 10 Kilometer
- Investitionsvolumen: rund 76 Millionen Euro
- Baubeginn: 20. Juli 2023
- Beginn des Probebetriebs: 5. August 2026
- Offizielle Inbetriebnahme: 4. November 2026
- Bauweise: rund 7 Kilometer geschlossener Rohrvortrieb, rund 3 Kilometer offene Bauweise
- Durchmesser:
DN 1.600 Millimeter (Freispiegelkanal und Schutzrohr aus Beton)
DN 1.200 Millimeter (Gefälledruckleitung aus Kunststoff)
- Geländegefälle: rund 100 Meter
- Trassenverlauf: Dresdner Norden über Heller, entlang der Autobahn A4 zur Kläranlage Dresden-Kaditz
- Besonderheit: Abwassertransport ohne zusätzliches Pumpwerk
Quelle: Stadtentwässerung Dresden