Logo von MeiDresden.de

Keen „Pfeng“ in der Tasche: Mit dem 9-Euro-Ticket im historischen Verkehrsmittel nach Moritzburg und zurück. Ein Selbstversuch an einem heißen Sommertag.

Keen „Pfeng“ in der Tasche: Mit dem 9-Euro-Ticket im historischen Verkehrsmittel nach Moritzburg und zurück. Ein Selbstversuch an einem heißen Sommertag.Der „Lößnitzdackel“ fährt seit 1884, nur unterbrochen durch eine kurze Corona-Pause und die jährlichen Wartungsarbeiten, von Radebeul-Ost über Moritzburg nach Radeburg. Durch den kühlen Lößnitzgrund, vorbei an der Grundmühle über den Damm des Dippelsdorfer Teiches. Dies ist für viele der wohl schönste Abschnitt der Strecke, gefolgt vom Besuch des Moritzburger Schlosses. Deshalb steigen auch wir hier aus und wollen an König Augusts Lustschloss verweilen.

©MeiDresden.de©MeiDresden.de

Dichtes Gedränge auf dem Bahnsteig in Radebeul-Ost, vorwiegend ältere Menschen, teils als Gruppe oder mit Enkelkindern, tummeln sich vor der Abfahrt. Mit so viel Andrang hätten wir nicht gerechnet, geht es uns durch den Kopf. Das „Geschenk“ der Bundesregierung scheint auch hier Gefallen zu finden, obwohl die Lößnitzgrundbahn schon lange kein Pendlerzug mehr ist, der Werktätige zur Arbeit bringt. Die touristische Attraktion vor den Toren Dresdens und eines der Industriekulturdenkmäler Sachsens nutzen viele „Sommerfrischler“; durch das 9-Euro-Ticket profitieren hier wohl aktuell meist Freizeit- und Urlaubsreisende. Die Lößnitzgrund- und Weißeritztalbahn sind in den Verkehrsverbund Oberelbe (VVO) eingebettet, sie gehören so zu den öffentlichen Verkehrsmitteln im Raum Dresden.

© MeiDresden.de/Mike Schiller© MeiDresden.de/Mike Schiller

In den Zug eingestiegen, wir haben uns für das Zugende entschieden, geht die nostalgische Fahrt unter Dampf los und hält nach Überquerung der Meißner Straße zum ersten Mal am alt ehrwürdigen Haltepunkt „Weisses Ross“. Wir hören im überfüllten Wagen nicht nur die reiferen Semester „sächseln“, sondern auch Schweizer-Deutschen Dialekt und sehen sogar englischsprachige Touristen, die der Maskenpflicht nicht nur in ihrem Land abgeschworen zu haben scheinen.

„Ist hier eigentlich Maskenpflicht?“ frage ich meine Begleitung.

Diese Frage kann die jetzt einsteigende Schaffnerin sicher beantworten, „Wer hat hier kein 9-Euro-Ticket“, fragt sie laut und unter ihrer OP-Maske vermeintlich lächelnd in die illustre Runde. Gelächter brandet auf, die Passagiere zücken stolz ihr heißbegehrtes Spaß-Ticket. Da geht mir der nächste Gedanke durch den Kopf: Wer bezahlt das eigentlich alles hier? Die Lößnitzgrundbahn benötigt doch sicher dringend die Fahrtgeld-Einnahmen, um die Angestellten und jetzt vor allem die sicherlich gestiegenen Materialkosten wie Steinkohle, Strom oder Gas zu bezahlen. Die Coronazeit hat doch sicher auch seine Spuren hinterlassen, das 9-Euro-Ticket erledigt den Rest?

- WERBUNG - - WERBUNG -

Als Laie verfüge ich über keinerlei Insiderwissen, der gesunde Menschenverstand wirft diese Frage jedoch bei mir unweigerlich auf. Ich stupse meine Begleitung an, „Wir bezahlen den Normalpreis“, flüstere ich, obwohl ich mir das Ticket, dass viele Menschen augenscheinlich so glücklich macht, gegönnt habe und entrichte den Fahrtpreis für zwei Personen. „Achtundzwanzig Euro Sechzig bitte“. Das ist meines Erachtens ein relativ guter Preis für eine Fahrt in einer über einhundert Jahre alten Dampfeisenbahn. Hin- und zurück wohlgemerkt. Verglichen mit einem Eisbecher für fünfzehn Euro in der Dresdner Altstadt könnte man sogar behaupten, dass die Fahrt ein Schnäppchen ist. Ansichtssache, ich mag Softeis lieber!

Gedränge auf dem Bahnhof Moritzburg © MeiDresden.deGedränge auf dem Bahnhof Moritzburg © MeiDresden.de
„Werden die Menschen die Wertigkeit dieses Reisens aus einer anderen Zeit auch nach dem August zu schätzen wissen?“

Die Schaffnerin reißt mich aus meinen Überlegungen. „Es gilt Maskenpflicht im öffentlichen Nahverkehr, so auch in der Lößnitzgrundbahn“. Natürlich, immer noch. Frage beantwortet! Vorbei an schicken Gründerzeitvillen, das Spitzhaus im Blick, fahren wir in den Lößnitzgrund. Der Zug passiert das alte E-Werk, die Grundmühle und den Haltepunkt Lößnitzgrund. Von hier könnte man in das Bilz-Bad laufen und sich ein wenig Abkühlung verschaffen! Die 1912 dort eingebaute Wellenmaschine der Marke Undosa ist das wohl älteste noch betriebene Wellenbad der Welt. 110 Jahre auf dem Buckel und kein bisschen müde, zum Glück Denkmalgeschützt!

© MeiDresden.de/Mike Schiller© MeiDresden.de/Mike Schiller

Ferien Daheeme? So wie früher?

Die nächsten Haltepunkte sind Friedewald HP und Friedwald – Bad. Ab hier geht es über den 210 m langen Bahndamm über den Dippelsdorfer Teich. Der See dient eigentlich der Fischzucht, aber auch dem Naturschutz und der Naherholung. Am See gelegen sind das Strandbad Friedewald/Dippelsdorf und der Campingplatz Bad Sonnenland. „Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah?“ Ich plane insgeheim schon meinen nächsten Urlaub, warum weiter wegfahren? Bei konstant über fünfundzwanzig Grad Celsius am Tag und einem herrlichen Natur-Campingplatz, der keine Wünsche offenlässt kann man sich das sehr gut vorstellen. Von der Haltestelle vor der Campingplatz-Haustüre kommt man mit dem 477er-Bus in zwanzig Minuten schnell zum Bahnhof Dresden-Neustadt. Dieser Fakt ist für viele Touristen sicherlich ein nicht zu unterschätzender Pluspunkt. Das Auto könnte man also getrost stehen lassen bei den seit Monaten hohen Benzinkosten, Zwinker-Smiley – darauf möchte ich an dieser Stelle jedoch nicht eingehen.

Bahndamm über den Dippelsdorfer Teich © MeiDresden.deBahndamm über den Dippelsdorfer Teich © MeiDresden.de

Ich schnappe den Gesprächsfetzen eines älteren Ehepaars auf. „Reisen nach Italien werden sich wohl manche bald nicht mehr leisten können bei den Preisen“, meint die graumelierte Dame zu ihrem Mann. „Nu! Früher durft´n wir ni, heute können wir ni“, gibt er süffisant in reinstem sächsisch zurück. Gespräch beendet. Können die Gedanken lesen?

Einfahrt in den Bahnhof Moritzburg, unsere Endstation. Eine herrlich nostalgische Fahrt im „entschleunigten Modus“ endet hier für uns. Der Bahnsteig füllt sich mit den vielen Reisenden, die Masse der 9-Euro-Ticket-Touristen stiebt auseinander und strömt Richtung Schloss. Einige der Kurzurlauber sind mit dem Fahrrad gekommen, der Packwagen des Zuges ist voll mit E-Bikes. Als ich kürzlich eine Fahrradtour an der Elbe in Richtung Blauem Wunder unternahm, überholten mich viele ältere Menschen mit ihren modernen Elektro-Fahrrädern, so dass ich unweigerlich fester in die Pedale trat, um mich zu revanchieren und zum Überholvorgang per Muskelkraft anzusetzen. Hat mich jemals ein Rentner überholt oder lasse ich nach? Nun, die E-Bike-Mobilität scheint die neue, umweltfreundliche Freiheit der
„Ren(-n)tner“ zu sein! Und das alles mit Strom aus der Steckdose. Wunderbare neue Welt!

Einfahrt in den Bahnhof Moritzburg © MeiDresden.deEinfahrt in den Bahnhof Moritzburg © MeiDresden.de

Ein Leuchtturm im Binnenland

Unser Spaziergang vom Bahnhof Moritzburg führt uns etwas abseits der Touristenströme über den Dardanellenweg in den schattigen Wald. Vorbei an der Churfürstlichen Waldschänke zum Leuchtturm.

Das 9-Euro-Ticket: Selbst im Schlosspark ein Thema

Nun geht es vorbei am Wildgehege, auf dem Lehrpfad zum Hellhaus und von dort zum Moritzburger Schloss. Hier im Schlosspark „lustwandeln“ also jetzt die vielen Touristen aus nah und fern, die zum Schnäppchenpreis nach Moritzburg pilgern. Wir können die meisten überholen, noch bin ich per pedes schneller als die breite Masse der Gäste. Gesprächsfetzen bei einem Überholvorgang, Teil Zwei: „Ich hatte mein 9-Euro-Ticket  auf der Lößnitzgrundbahn vergessen, da musste ich doch tatsächlich den Normalpreis bezahlen, eine Frechheit ist das!“ Irritiert drehe ich mich zu der Dame um, ihre Begleiterin antwortet ihr: „Beschweren sollte man sich!“

Das Ticket ist nicht auf den Zügen der Lößnitzgrundbahn erhältlich, sondern nur an den DB-Automaten vor Start am Bahnhof Radebeul-Ost. Sollte man wissen oder sein „Touri-Ticket“ wenigstens einstecken haben.

© MeiDresden.de/Mike Schiller© MeiDresden.de/Mike Schiller

Endlich am Schloss angekommen, bestaunen wir beim Rundgang vor allem die Hofküche mit historischem Backofen. Das Jagdschloss im Stil der Renaissance ließ Herzog Moritz von Sachsen 1542 im wildreichen Friedewald auf einer Granitkuppe errichten. Schon bald war dieses Schloss, welches später den Namen des Herzogs bekam, Mittelpunkt der sächsischen Jagdgesellschaft. In der Hofküche schnalzt man mit der Zunge, das Wasser läuft mir im Munde zusammen. Was das Establishment damals mit Schiffen und auf dem Landweg bis zum Schloss bringen ließ, könnte heute wohl nur der „Rungis – Express“ bewerkstelligen: Feinste Speisen und Gewürze aus aller Welt, Muscheln und Fische eisgekühlt transportiert von Südeuropa bis nach Sachsen. Ja, König August wusste, wie man schlemmt!

Rückreise um zwei Stunden verschoben

So langsam treten wir die Heimreise an und laufen die Schlossallee zurück zum Bahnhof Moritzburg. Von weitem eröffnet sich schon der Blick auf den völlig überfüllten Bahnsteig, hunderte Menschen drängen sich zur Rückfahrt. „Ich glaube, das ist jetzt keine gute Idee“, meine ich und dränge mich entschlossen durch die Wartehalle in den kleinen Souvenirshop. „Gibt’s hier Bier?“, frage ich die nette ältere Service-Mitarbeiterin. „Nu! Für Eens Fuffzsch“, entgegnet sie. Ich nehme vier und schaue mir nun das Schauspiel von weitem an.

© MeiDresden.de/Mike Schiller© MeiDresden.de/Mike Schiller

Der einfahrende Zug aus Radeburg hält, die Massen verteilen sich auf die neun Wagen. Einige rüstige Rentner wollen in den Packwagen steigen, werden aber vom resoluten Schaffner von ihrem Vorhaben abgehalten. Seine Kollegin kämpft mit den Elektro-Fahrrädern und hat Mühe, die vielen Beförderungswünsche abzuarbeiten. Einigen E-Bikern steht die Nervosität jetzt ins Gesicht geschrieben: „Bekomme ich noch einen Sitzplatz?“ Früher lernten wir in der Schule, älteren und gebrechlichen Menschen in Straßenbahn und Zug Platz zu machen, was wir auch gerne taten. Doch wie sollen in einer überfüllten Lößnitzgrundbahn Rentner anderen Rentnern Platz machen? Da zählt wohl nur das Gesetz des Stärkeren oder ein menschlicher Umgang miteinander, denke ich mir schmunzelnd.

WERNUNGWERNUNG

Nachdem sich die Dampflok in Bewegung setzt und langsam das Bahnhofsgelände verlässt, freuen wir uns auf ein kaltes Bier und fahren zwei Stunden später um einiges entspannter zurück nach Radebeul. Wir beschließen wiederzukommen. Aber erst im September!